Home | Kontakt | Sitemap
Schriftgrösse zurücksetzen Grössere Schrift Grösste Schrift



«Das Gehirn verlernt das Mitleid»


Mit Playstation, Internet und Handy hat es die virtuelle Welt tief in die Köpfe der Generation YouTube gebracht. Die Auswirkungen sind ganz real: Das Gehirn schützt sich gemäss einem deutschen Forscher messbar gegen das Übermass an Horrorshow und Porno durch Abstumpfung und Verödung. Mitleid ist danach kaum noch zu erwarten.

Es ist Kino aus dem realen Leben, das auf Handys und in Internetbörsen präsentiert wird und auf Schulhöfen die Runde macht. Der Einfluss von Gewalt- und Pornografiedarstellungen, die im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten konsumiert werden kann, wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Pädagogen wissen heute von sechsjährigen Jungs, die Vergewaltigung spielen, und elfjährigen Mädchen, die beunruhigt sind, weil sie noch nie Sex hatten. «Es ist ein Verschwimmen von Realität und Virtualität», sagt Soziologe Ueli Mäder.

Die Veränderung passiert nicht bei einem einzelnen Film oder Bild, sondern durch die permanente Reizüberflutung und die Alltäglichkeit, mit der die Bilder inzwischen auf die Sinnesorgane hereinklatschen. Es gilt heute als empirisch gesichert, dass Filme und Computer-Games, welche den Konsum von Pornografie und Gewalt zur Alltäglichkeit machen, ein Faktor sind, der Gewalthandlungen mitbedingt.

Das Ende des Mitleids


Das Gehirn reagiert auf die Reizüberflutung auf seine Weise. Der Münchner Neuropsychologe Henner Ertel macht mit seinem Institut für rationelle Psychologie seit dreissig Jahren Langzeitstudien über den Einfluss von Pornografie- und Gewaltdarstellungen . Seine Erkenntnis: «Das Gehirn passt seine Verarbeitungsstrategien an und schützt sich gegen die Flut von Gewalt und Pornografie durch Abstumpfung.» Er schlug im Frühjahr 2007 Alarm: «Emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit haben bei den Jugendlichen enorm abgenommen.» Ertel warnt eindringlich, dass Gewalt heute ein legitimes Mittel sei, Ansprüche durchzusetzen: «Was da auf unsere Gesellschaft zukommt, ist das Grauen.»

Auch die Leiterin der Abteilung Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Uni Basel, Silvia Schneider, glaubt an eine «Abstumpfung» infolge des steigenden Internet und Fernsehkonsums, «unabhängig von den Bildern», wie sie sagt. Alles ist jederzeit zugänglich, «es berührt die Jugendlichen nicht mehr». Schneider hat es immer öfter mit den «Auswirkungen auf die Verhaltensauffälligkeit» zu tun. Sie spricht von «vermehrt sozial ängstlichen Jugendlichen». Es sei die Folge einer fehlenden sozialen Kompetenz, die durch den Bildkonsum verloren gegangen sei.

Medien im Dilemma


Dass immer neue Fälle von Handymissbrauch öffentlich werden, hat für Jugenspsychologin Schneider gerade mit der Veröffentlichung zu tun. «Durch die Medienpräsenz kommt es zur Nachahmung», glaubt sie. Es handle sich dabei um das gleiche Phänomen, wie es auch anhand der Suizidraten bei Jugendlichen beobachtet wurde. Als in den 1970er Jahren ein «Tatort»-Fall mit diesem Thema ausgestrahlt wurde, seien die Suizidraten in den folgenden Tagen in die Höhe geschnellt. Auch Soziologe Ueli Mäder spricht von einem «gewissen Widerspruch», mit dem die neuen Medien konfrontiert sind. Dass die Medien als kritisches Korrektiv amten sollen, steht für ihn ausser Frage. «Die Frage ist, wie man darüber berichtet».

Doch bei aller Verantwortung und Selbstkritik, richten können es die Medien alleine nicht. Schulpsychologe Hermann Blöchlinger: «Die Generation Youtube prägt heute die Schulkultur in einer unglaublichen Dimension. Momentan stehen wir dem noch ziemlich hilf- und machtlos gegenüber. Die jetzige Erziehergeneration ist darob massiv gefordert.»

Quelle: Marius Egger, 20minuten.ch
http://www.20min.ch/digital/youtube/story/13172916
21. Juni 2007

Login Privacy Policy AGBs
Back to top Seite Drucken Exit page